Matwej ist einer von ihnen. Er ist 21, Informatikstudent und Programmierer bei der Firma Arkadia. Er weiß was er kann und was seine computertechnischen
Fahigkeiten wert sind. 1.200 Dollar verdient er im Monat - mehr als das Zehnfache des russischen Durchschnittslohns. Ob er gehort hat, dass gerade in
Deutschland hochqualifizierte Programmierer gesucht werden und ohne weiteres eine Arbeitserlaubnis bekommen, hat ihn Peter Frey gefragt, als er Matwej in
St. Petersburg traf.
Moscow
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Source: Eduard Luft, Dana Ritzmann
Nr. 12 (135) JUNI 2004
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Auf den fahrenden Zug aufgesprungen
Russische IT-Branche steht vor dem internationalen Durchbruch
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Der Think Tank der russischen IT-Branche:
Arkadij Chotin und Valentin Makarow
von Fort Ross (v.l.). |
An Selbstbewusstsein
mangelt es der russischen IT-Branche
bestimmt nicht: „Wir sind auf die
Regierung nicht zwingend angewiesen.
Sie aber braucht uns", konstatiert
Arkadij Chotin, Vizepräsident des
IT-Konsortiums „Fort Ross". Was sich
vor wenigen Jahren wie eine trotzige
Beschwörungsformel anhörte, wird heute
von niemandem wirklich bezweifelt:
Seit vier Jahren zeigt die Umsatzkurve
steil nach oben, durchschnittlich
werden jährlich etwa 20 Prozent Wachstum
erzielt: Ein bedeutender Wirtschaftszweig
ist herangewachsen. „Noch vor kurzem
glaubte niemand so recht, dass IT
ein bleibendes Phänomen ist", bestätigt
Dmitrij Loschinin von Luxoft, „doch
viele der einstigen IT-Garagen haben
sich heute zu namhaften Unternehmen
gewandelt." Luxoft ist eines davon.
Erst seit vier Jahren im internationalen
Geschäft, gehört die Softwareschmiede
bereits zu den europäischen Marktführern
im unaufhaltsam boomenden Informations-
und Kommunikationsmarkt.
An Talenten und Geschäftsideen besteht im Bereich der neuen Technologien in Russland kein Mangel. Die Stolpersteine auf dem Weg zur internationalen Konkurrenzfähigkeit lagen bisher stets in wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die mehr blockieren als regulieren. „Der kapitale Schutz vor Großkonzernen hat auch den kleinen Unternehmen die Luft abgeschnürt", bringt Valentin Makarow von „Fort Ross" eines der Hauptprobleme zur Sprache. Denn der übereifrige Protektionismus des russischen Staates hat jahrelang eine Condi-tio sine qua non der Wirtschaft vernach-lässigt: Wo keine Investitionen, da auch keine Innovationen. Die sich formierende russische IT-lndustrie mit ihrem hohen Kapitalbedarf bekam dies besonders zu spüren. Hinzu kamen die altbekannten administrativen und vor allem steuerlichen Barrieren, fehlende oder unzureichende Subventionen für Ausbildung, Grundlagenforschung und Infrastruktur.
„Der Markt war zunächst nicht auf Einmischung seitens der Regierung angewiesen. Das Wachstum verlief organisch und ohne widerrechtlichen Wettbewerb" - Oleg Bjachow von der Regierungskommission „Digitales Russland" hat sich seine Worte zurechtgelegt. Eine Antwort darauf, warum in den letzten Jahren viele IT-Fachkräfte dem Land den Rücken gekehrt haben und heute - oft in leitender Position - für ausländische Firmen tätig sind, kennt er dennoch nicht. Indes sprechen viele Beobachter davon, dass der Staat dem Ausverkauf dieses Potenzials tatenlos zugesehen hat, anstatt ihm durch geeignete Maßnahmen Entwicklungsperspektiven in Russland zu bieten. Die Formel vom „organischen Wachstum" - sie geht am Kern der Sache vorbei. Schließlich ist es Bjachow selbst, der es ausspricht: „Wir haben bisher keine Strategie in der IT-Politik gehabt."
„Auch in Indien hat die Regierung erst spät erkannt, dass die IT-lndustrie ein Huhn ist, das goldene Eier legt", sagt Valentin Makarow und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Wenn wir nur einen Bruchteil dessen hätten, was etwa der chinesische Staat in die Branche investiert, könnten wir vieles erreichen." Trotzdem hat sich bisher einiges getan: Denn im Vergleich zu Indien, wo die Anfänge der IT-lndustrie bereits 30 Jahre
zurückreichen, ist Russland auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Unter diesen Umständen war das Tempo des Vordringens in den internationalen Markt durchaus beeindruckend. Auf dem europäischen Markt hat sich Russland bereits fest etabliert, zudem bestehen enge Kooperationen mit Entwicklungszentren in den USA und in Israel. Valentin Makarow zeigt sich optimistisch: „Auch wenn die absoluten Zahlen noch ernüchternd sein mögen, die Dynamik ist entscheidend." Seit kurzem hat man einen Grund mehr, optimistisch zu sein: Ende Mai erklärten die beiden bedeutendsten russischen IT-Konsortien, „Fort Ross" und „Russoft", ihre Fusion. Damit entsteht der-Branche
eine geschlossen operierende Lobby, deren erklärtes Ziel es ist, die russischen Produkte und Dienstleistungen auf dem Weltmarkt zu etablieren, einheitliche Qualitätsstandards einzuführen und vor allem, die gemeinsamen Interessen gegenüber der Regierung zu protegieren. Zusammen repräsentiert man etwa ein Drittel des gesamten GUS-Marktes: Denn neben russischen finden sich unter den etwa 100 Mitgliedern auch Firmen aus Weißrussland und der Ukraine. Die Fusion sei eine sehr bedeutende Etappe, so Dmitrij Loschinin, denn „Einzelinteressen sind damit zu denen einer Industrie geworden, die zunehmend auch für den Staat Bedeutung erlangt". In der Tat deutet einiges darauf hin, dass sich Moskaus Sicht auf die heimische IT-Branche gewandelt hat. Das augenfälligste An-
zeichen dafür ist nicht zuletzt die Gründung eines IT-Ministeriums. Die Fusion von „Fort Ross" und „Russoft" - sie könnte hier tatsächlich eine Art „russisches Microsoft" entstehen lassen, das als Bindeglied zwischen Regierung und Industrie fungiert. Die erste gemeinsam organisierte Veranstaltung war der „Russian Outsourcing and Software Summit" vom 9. bis 11. Juni in St. Petersburg, eine bereits zum vierten Mal stattfindende Konferenz, die als das wichtigste IT-Forum Osteuropas gilt. An der zum ersten Mal gemeinsam mit der internationalen Kommunikations-Asso-ziation Lisa (Localization Industry Standard Association) organisierten Veranstaltung nahmen etwa 500 Fachleute aus dem In- und Ausland teil. Neben IT-und Kommunikationsexperten aus den USA, Deutschland, Skandinavien und Israel waren zum ersten Mal auch wichtige Vertreter der indischen IT-Branche angereist, die einen deutlichen Willen zur Kooperation bekundeten. Offenbar sorgt die Entwicklung in Russland auch am Ganges für Aufsehen. „Es ist jetzt an der Zeit, mit Russland zusammenzuarbeiten und die Branche hier mit den Modellen zu unterstützen, die uns zum Erfolg verholfen haben", sagt Phiroz Vandrevala, von der Nationalen Software Vereinigung Indiens, Nasscom. „Eine Zusammenarbeit mit Russland bringt beiden etwas: Für Indien gelte es, den Markt zu erweitern und für Russland, ihn zu erobern", erklärte Vandrevala in St. Petersburg.
Weitere Informationen über den St.
Petersburger Software Outsourcing Summit
finden Sie
in der nächsten Ausgabe der MDZ
(136/30. Juni).